Ä-782 zum L-01

Füge ein in Zeile 782:

 

Der ländliche Raum benötigt aber spezifische zukunftsweisende Lösungen, die sich von denen in Metropolregionen unterscheiden. Deshalb werden wir ein Forschungsinstitut für Sozio-Informatik gründen, dass sich insbesondere mit der Förderung von der Lebensqualität und Daseinsvorsorge in ländlich industrialisierten Räumen beschäftigt.

Begründung:

 

Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle in der Ausgestaltung gesellschaftlicher Megatrends wie industrieller Strukturwandel, Demographie und Klimawandel. Während diese Megatrends die gesellschaftliche Entwicklung in der Breite betreffen, prägen sie sich regional spezifisch aus und erfordern entsprechend lokalisierte Lösungen. Südwestfalen ist als ländlich strukturierte Region durch eine ausgeprägte Stadt‐Land Topologie gekennzeichnet und weist eine gewachsene, mittelständisch geprägte Industriestruktur auf und ist durch eine sozialpartnerschaftliche Tradition geprägt. Südwestfalen ist mit über 160 Weltmarktführern – sogenannten „Hidden Champions“ – eine der führenden mittelständisch geprägten Industrieregionen Deutschlands.

 

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des industriell geprägten Mittelstandes in der Region sind die qualifizierten Fachkräfte in den Betrieben. Sie bilden das Rückgrat der oftmals über mehrere Generationen familiengeführten Unternehmen. Trotz der aktuellen wirtschaftlichen Stärke der Region Südwestfalen gibt eine Reihe von Entwicklungen Anlass zur Sorge. Der rasch voranschreitende demographische Wandel in der Region schlägt sich bereits jetzt in vielen Branchen in einem akuten Fachkräftemangel nieder, der sich in den kommenden Jahren noch verschärfen wird. Trotz wichtiger Etappensiege bei der Digitalisierung des Mittelstandes in der Region – insbesondere vorangetrieben durch die Arbeit des Mittelstand 4.0–  Kompetenzzentrums Siegen – besteht in vielen Branchen und Sektoren noch massiver Aufholbedarf. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen deutlich, dass die Folgen des demographischen Wandels – alternde Gesellschaftsstrukturen, zunehmende Pflegebedarfe, flächendeckende Gesundheitsvorsorge – und der zunehmenden Digitalisierung gemeinsam gedacht werden müssen. Nur diejenigen Regionen, denen es gelingt, den Wandel von Analog zu Digital gemeinsam mit den Menschen zu gestalten, werden sich im Transformationsprozess behaupten. Dies gilt im Besonderen für Südwestfalen, dessen stark industriell geprägte Unternehmenslandschaft einen Großteil ihres Erfolges den gut ausgebildeten Facharbeitern zu verdanken hat, die es zukünftig im Rahmen des digitalen Transformationsprozesses konsequent einzubinden gilt.

 

Um den digitalen Transformationsprozess zu Gunsten der Menschen in Südwestfalen zu gestalten, sind Lösungsansätze zu erarbeiten, die spezifisch für den ländlich-industrialisierten Raum sind. Innovative Lösungen für konkrete Bedarfe der Menschen in den Handlungsfeldern Arbeit, Klimaschutz, Gesundheit, Altern und zivilgesellschaftliches Engagement unterscheiden sich auf Grund der vorfindbaren Industriestruktur, Bevölkerungs‐ und Infrastrukturdichte und kultureller Spezifika von Lösungsansätzen für stark urbanisierte Metropolregionen. Beispielsweise werden innovative Konzepte zur Bereitstellung einer flächendeckenden Gesundheits‐ und Pflegeversorgungsinfrastruktur auf dem Lande sich deutlich von Lösungen im städtischen Raum unterscheiden. Die sozio‐informatische Forschung und Arbeit an der Universität Siegen tragen bereits seit Jahren in engem Schulterschluss mit Stakeholdern und Praxispartnern aus der Region zur Erforschung und Lösung konkreter Probleme innerhalb der oben genannten Handlungsfelder bei. Kennzeichnend für diesen Ansatz ist es, dass stets der Mensch in den Mittelpunkt der IT‐Entwicklungen und Einführungen gerückt wird. Dieser Forschungsansatz steht den vielfach zu beobachtenden Automatisierungsbestrebungen in Wirtschaft und Gesellschaft entgegen. Wir sind der Auffassung, dass Menschen durch zunehmend intelligente Maschinen in ihrem Wirken unterstützt und entlastet, jedoch nicht ersetzt werden sollten. Kurzum, alle Digitalisierungsvorhaben lassen sich im Sinne einer gestalterisch ausgerichteten reflexiven Aktionsforschung verstehen, die von einem stark partizipativen Leitbild getragen wird und stets nah an praktischen Bedürfnissen der Menschen ansetzt.

 

In der Vergangenheit konnten viele Digitalisierungsprojekte mit einem nachhaltigen Nutzen für die Region Südwestfalen umgesetzt werden. Problematisch ist jedoch, dass all diese Digitalisierungsprojekte stets auf Zeit angelegt waren und nur mit immensem Aufwand – beispielsweise durch die laufende Beantragung von Folgeprojekten – eine gewisse Stetigkeit in das Arbeits‐ und Forschungsprogramm gebracht werden konnte. In Reaktion auf diese Situation ist in der Region bereits seit geraumer Zeit die Notwendigkeit der Gründung eines Großforschungsinstituts (Institut für Sozio-Informatik) realisiert worden (gemeinsam von: Politik, AGV, Gewerkschaften, IHK). Es zielt darauf ab, im Herzen von Südwestfalen international sichtbare Spitzenforschung mit direktem Nutzen für die Region zu etablieren. Die Forschungsstrategie sieht vor, technologische Potentiale zuvorderst in vier gesellschaftlichen Praxis‐ und Forschungsfeldern zu adressieren: Arbeit, Klimaneutralität, Gesundheit und Zivilgesellschaft. Das Ziel des Instituts ist es, die spezifischen Forschungs‐ und Entwicklungsbedarfe ländlich industrialisierter Regionen in und für Südwestfalen zu bearbeiten. Die erarbeiteten Ergebnisse tragen nicht nur zum Wohl der Menschen in der Region bei, sie können auch Leuchtturmcharakter entfalten und ähnlich strukturierte Regionen zu neuartigen Lösungsstrategien inspirieren. Alleinstellungsmerkmal ist eine innovative Form der kooperativen Forschung mit lokalen Partnern in der Region bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Reflexion und hoher internationaler Vernetzung.

 

Die Gründung eines Instituts für Sozio‐Informatik soll dazu beitragen, Digitalisierung im Hinblick auf eine Erhöhung der Lebensqualität der Menschen in ländlich industrialisierten Regionen auszugestalten. Die Zukunft ländlich-industrialisierter Regionen dürfte auch für die Stabilität liberaler Demokratien von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein.

Empfehlung der Antragskommission:
Übernommen in geänderter Form in Neufassung der Antragskommission zu L-01 REGIERUNGSPROGRAMM
Version der Antragskommission:

Einsetzen in Z. 766: Vor diesem Hintergrund werden wir ein Forschungsinstitut für Sozio-Informatik gründen, dass sich insbesondere mit der Förderung von Lebensqualität und Daseinsvorsorge in ländlich industrialisierten Räumen beschäftigt.